Mitautorin

"Praxishandbuch Palliativpflege und Schmerzmanagement"

herausgegeben durch den "Forum GesundheitsMedien GmbH, Merching; 2010"

      Interview (Portrai - Angelika Merkel) bei der Notfallseelsorge -Berlin

 

Wege durch die Trauer

Angelika Merkel möchte ihren Kaffee schwarz. Das habe aber nichts mit ihrer Eigenschaft als Trauerbegleiterin zu tun, betont sie lächelnd. Seit vier Jahren ist sie freiberuflich als Trauerbegleiterin tätig. Die 53jährige ist gelernte Krankenschwester und hat nach ihrer Beauftragung zur Telefonseelsorgerin 1988 und die Ausbildung zur Trauertherapeutin gemacht.

Wie kamen Sie dazu, Menschen zu begleiten, die trauern?
Ich habe die Ausbildung gemacht, um mir erstmal selber zu helfen. Als Krankenschwester fiel es mir sehr schwer, Angehörige von Verstorbenen auf den Fluren zu sehen und ihnen nur wenig helfen zu können. Umgang mit Tod und Trauer hat man uns in der Ausbildung nicht beigebracht. Auch meine eigene Trauer um verstorbene Patienten ist mir immer mal wieder bewusst geworden. Dass das jetzt zu meinem Hauptberuf geworden ist, hat sich eher zufällig ergeben.


Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Trauerbegleiterin?
Ich kann Menschen ihre Trauer nicht abnehmen. Sondern ich möchte mit ihnen herausfinden, was jetzt in dieser Lebenssituation gut und wichtig ist für sie. Ein Aspekt meiner Arbeit ist auch dem Zuzuhören, was andere nicht mehr hören können. Trauernde erzählen oft das gleiche immer wieder. Diese Wiederholungen helfen zu begreifen, dass da etwas zu Ende gegangen ist, was wichtig und wertvoll war. Ich muss in meiner Begleitung die Achterbahn der Emotionen mitfahren – das heißt eben, nicht nur Traurigkeit, sondern auch Wut und Angst oder Schuldgefühle auszuhalten. Es kommen übrigens nicht nur Menschen zu mir, die einen Verstorbenen betrauern. Menschen kommen auch, wenn eine Beziehung auseinander gebrochen ist oder wenn eine Lebensphase vorbei ist, beispielsweise beim Eintritt ins Rentenalter. Ich habe schon Menschen begleitet, die ihr Haustier verloren haben. Auch hier bricht ja eine Beziehung ab, die über Jahre wichtig war. Über all das muss man trauern!


Sie sagten gerade, dass man trauern „muss“. Warum ist Trauer so wichtig?
Trauern gehört zum Leben dazu. Auch wenn das in der eigentlichen Situation noch gar nicht klar wird: Trauern lässt uns nicht zuletzt reifer werden, eine andere Lebensperspektive auf Dinge zu gewinnen, die uns vorher Selbstverständlich waren. Daher finde ich es wichtig, dass Menschen schon in frühester Kindheit lernen zu trauern. Je früher man Trauern lernt, umso kompetenter wird man, Verluste zu bewältigen. Menschen, die ihre Trauer verdrängen, können krank werden an Körper und Seele.


In der Notfallseelsorge sind wir oft mit Menschen in einer ganz frühen Phase der Trauer konfrontiert. Was für einen Impuls geben Sie diesen Menschen mit auf den Weg?
 Über ihren Verlust zu sprechen – mit Freundinnen und Freunden, in der Familie oder mit Außenstehenden. Das Erzählen hilft nicht nur, das Geschehene zu begreifen sondern die Last auf vielen Schultern zu verteilen.

Hilft Trauernden ein religiöser oder spirituell geprägter Lebenshintergrund?
Das spielt schon immer mit hinein. Aber manchmal ist das auch nicht sehr hilfreich, wenn Menschen zum Beispiel eine starke Vorstellung von der Hölle haben und befürchten, dass ein Verstorbener dort bestraft wird. Für mich persönlich ist meine christliche Tradition schon ein wichtiger Halt und meine Arbeit begreife ich als einen Gottes-Dienst am Nächsten.

 

Macht Sie die Arbeit als Trauerbegleiterin nicht selber traurig?
 Ja, teilweise schon. Aber ich habe ja in der Supervision auch Menschen, die mich dann begleiten. Es tut mir gut, dass ich bei Seminaren und Schulungen Menschen erzähle, was in Trauernden vorgehen kann. Sehr viel Halt geben mir Menschen, die sich aus der Trauerbegleitung dankbar verabschieden, weil sie einen guten Weg gefunden haben, mit der Trauer und dem Verlust zu leben.

Ich möchte noch ein Foto machen von Angelika Merkel. Vielleicht in schwarzer Kleidung? 

Wieder lacht sie. Nein, so etwas hängt bei ihr nicht im Schrank.

 

 

Dieses Interview ist in vollem Umfang gespiegelt. Das Original finden Sie auf der Internetseite der Notfallseelsorge - Berlin.

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